Zurück zur Übersicht
  • Conversion Rate steigern

Agentic Commerce: Warum KI-Agenten nicht den gesamten E-Commerce übernehmen werden und was Händler jetzt wissen müssen

  • 10. Juli 2026 veröffentlicht
  • Sarah Birk
  • Lesezeit: 27 Min.

KI-Systeme beraten im E-Commerce längst nicht mehr nur, sie übernehmen zunehmend auch einzelne Schritte des Kaufprozesses. Agentic Commerce hat in den vergangenen Monaten deutlich an Aufmerksamkeit und praktischer Relevanz gewonnen. Gleichzeitig wächst der Hype: „Der klassische Online Shop stirbt”, „Personalisierung wird überflüssig”. Für Shopbetreiber ist das verunsichernd und oft wenig hilfreich. Dieser Artikel erläutert, was du als Online-Händler jetzt wissen musst. Er erklärt, wo Agentic Commerce wirklich funktioniert, was das konkret für deinen Shop bedeutet und welche Rolle Personalisierung dabei spielt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Agentic Commerce beschreibt das Einkaufen mit KI-Agenten. Sie können im Auftrag von Kunden Teile des Kaufprozesses übernehmen – von der Recherche und dem Vergleich bis zur Auswahl und, je nach Autorisierung, zur Auslösung des Kaufs.
  • Nicht alle Käufe werden im gleichen Maß automatisiert. Routinekäufe mit klaren Präferenzen eignen sich eher für agentische Prozesse. Bei Käufen, die von Entdeckung, Beratung oder persönlicher Entscheidung geprägt sind, bleibt der Shop besonders relevant.
  • Commodity- und Erlebnis-Shops sind unterschiedlich betroffen. Standardisierte Sortimente sollten technisch zugänglich und zuverlässig vergleichbar sein. Erlebnis-Shops sollten ihre Stärken in Beratung, Markenwelt und Kundenbindung ausbauen.
  • Personalisierung bleibt ein wichtiger Stärkehebel. Relevante Empfehlungen, bessere Orientierung und ein individuelleres Einkaufserlebnis können dazu beitragen, Kunden langfristig an den eigenen Shop zu binden.
  • Technische Infrastruktur und Shoppingerlebnis sollten zusammengedacht werden. Vollständige Produkt- und Angebotsdaten schaffen eine Grundlage für Auffindbarkeit und Vergleichbarkeit. Gleichzeitig sollten Händler den direkten Kontakt zum Kunden und den Mehrwert des eigenen Shops stärken.

Was ist Agentic Commerce?

Agentic Commerce beschreibt den Ansatz, bei dem KI-Agenten im Namen von Verbrauchern oder Unternehmen eigenständig recherchieren, vergleichen, entscheiden und einkaufen, oft ohne direkte menschliche Eingriffe in jeden einzelnen Schritt.

Eine Definition mit Graubereich

Der Begriff wird derzeit noch nicht überall gleich verwendet. Manche Artikel zählen bereits KI-gestützte Einkaufsassistenten oder chatbasierte Beratung dazu – also Systeme, die eher in Richtung Conversational Commerce oder Guided Selling gehen. Andere meinen mit Agentic Commerce nur Szenarien, in denen ein Agent tatsächlich autonom handelt und Transaktionen ausführt.

Für diesen Artikel ist deshalb eine engere Definition sinnvoll: Gemeint sind hier Systeme, die zumindest Teile des Kaufprozesses selbstständig übernehmen, von der Recherche über den Vergleich bis hin zur Ausführung.

Agentic Commerce vs. Conversational Commerce

In der Praxis verlaufen die Grenzen fließend. Auf der einen Seite steht Conversational Commerce, bei dem KI z. B. in Form eines AI Shopping Assistants bei der Produktauswahl und Kaufentscheidung unterstützt, der Mensch aber im Kaufprozess aktiv eingebunden bleibt. Auf der anderen Seite steht Agentic Commerce im engeren Sinn, also Szenarien, in denen ein Agent eigenständig recherchiert, entscheidet und Transaktionen ausführt. Viele aktuelle Lösungen liegen heute noch dazwischen.

Beispielhafte Darstellung eines Streetwear-Shops mit aktivem AI Shopping Assistant als Beispiel für Conversational Commerce in Abgrenzung zu Agentic Commerce. Der Assistent beantwortet die Suchanfrage „ich suche ein outfit für einen sommerabend" und zeigt passende Produkte sowie Tags wie „Flower Print" oder „Luftig".

Ein AI Shopping Assistant bietet dialoggestützte Beratung, bei der Nutzer aktiv Fragen stellen und in den Kaufprozess eingebunden sind. (Quelle: Eigene Darstellung Entirely Demo Shop)

Das zeigt sich auch bei vielen Praxisbeispielen, die derzeit unter dem Label Agentic Commerce diskutiert werden. Häufig geht es dort noch vor allem um KI-gestützte Produktsuche, Vergleich und Kaufbegleitung – also eher um Conversational Commerce oder Shopping Assistance als um vollständig autonome Kaufprozesse.

Was agentische Systeme auszeichnet

IBM definiert KI-Agenten als Systeme, die Aufgaben autonom ausführen, indem sie mit verfügbaren Tools Workflows entwerfen. Im Unterschied zu einfachen regelbasierten Chatbots können moderne Agenten system- und plattformübergreifend argumentieren, planen und handeln

Drei Merkmale unterscheiden diese Systeme grundlegend von früheren KI-Anwendungen im Handel: Sie handeln eigenständig, also ohne dass ein Mensch jeden Schritt bestätigen muss. Sie reagieren dynamisch auf Veränderungen im Umfeld, etwa wenn ein Produkt plötzlich vergriffen ist oder ein Konkurrent den Preis senkt. Und sie sind anschlussfähig: Über offene APIs und standardisierte Schnittstellen können sie mit unterschiedlichen Systemen und Plattformen kommunizieren, ohne an einen einzelnen Anbieter gebunden zu sein.

Wie läuft Agentic Commerce ab?

Vereinfacht lässt sich ein agentischer Kaufprozess in mehrere Schritte unterteilen:

  1. Der Kunde formuliert ein Ziel. Zum Beispiel: „Finde ein parfümfreies Waschmittel für empfindliche Haut unter 15 Euro, das bis Freitag geliefert werden kann.“
  2. Der Agent interpretiert die Anforderungen. Er erfasst Budget, Produkteigenschaften, Lieferzeit, Markenpräferenzen und weitere Einschränkungen.
  3. Der Agent durchsucht zugängliche Produkt- und Händlerdaten. Dazu können Produktinformationen, Preise, Verfügbarkeiten, Versandbedingungen und Bewertungen gehören.
  4. Er vergleicht passende Angebote. Je nach Datenlage berücksichtigt er unter anderem Preis, Lieferzeit, Produktmerkmale, Bewertungen sowie Versand- und Retourenbedingungen.
  5. Er erstellt eine Auswahl oder einen Warenkorb. Der Agent kann passende Produkte priorisieren, Alternativen vorschlagen oder mehrere Artikel zu einer Lösung zusammenstellen.
  6. Der Kunde bestätigt den Kauf oder der Agent löst ihn innerhalb festgelegter Regeln aus. Wie viel Autonomie ein Agent besitzt, hängt von den Einstellungen und der Autorisierung des Kunden ab.
  7. Händler-, Zahlungs- und Logistiksysteme wickeln die Bestellung ab. Je nach Integration werden Transaktion, Zahlungsabwicklung, Versand und weitere Prozesse durch die beteiligten Systeme verarbeitet.

Vom Vorschlag zur Handlung

Der Unterschied zu einem klassischen Chatbot oder einer einfachen Empfehlungslogik liegt dabei nicht nur in der Geschwindigkeit, sondern vor allem in der Handlungsfähigkeit: Der Agent schlägt nicht nur etwas vor, sondern kann mehrere Schritte aufeinander abstimmen und – je nach Autorisierung – auch ausführen.

Im Hintergrund wirken dabei verschiedene Technologien zusammen: Sprachmodelle helfen, die Anfrage des Kunden zu verstehen und passende Informationen zu verarbeiten. Agentische Software übernimmt die Planung und Koordination einzelner Aufgaben. Über Datenfeeds, APIs oder andere Schnittstellen kann der Agent auf Produkt-, Händler- und Transaktionsinformationen zugreifen.


Bleibe up to date in Sachen Personalisierung: Melde dich zum Epoq Newsletter an. Jetzt anmelden!


Die Rolle von Daten und Schnittstellen

Kehren wir zum Beispiel des parfümfreien Waschmittels zurück: Damit ein Agent eine passende Auswahl treffen kann, benötigt er unter anderem Informationen zu Produkteigenschaften wie „parfümfrei“ und „für empfindliche Haut geeignet“, einen aktuellen Preis, die Verfügbarkeit sowie eine verlässliche Einschätzung der Lieferzeit. Fehlen solche Angaben, sind sie widersprüchlich oder nicht aktuell, kann der Agent Angebote möglicherweise nicht korrekt vergleichen. Auch die Lieferprognose kann vom Lieferort, dem Bestellzeitpunkt und den verfügbaren Versandoptionen abhängen. Diese Informationen sollten vollständig, aktuell und eindeutig strukturiert vorliegen.

Welche technischen Lösungen dafür relevant sind, hängt vom Shopsystem, der Plattform und dem jeweiligen Anwendungsfall ab. Strukturierte Daten, Datenfeeds, APIs oder andere standardisierte Schnittstellen können dabei eine Rolle spielen. Je nach Anwendungsfall können neben Shop- und Zahlungssystemen auch CRM-, ERP-, Lager-, Versand- oder Kundenservice-Systeme beteiligt sein.

Im Markt entstehen derzeit verschiedene Ansätze für die Kommunikation zwischen KI-Systemen, Shops, Zahlungsanbietern und anderen Commerce-Systemen. Dazu zählen unter anderem unterschiedliche Protokolle und Standards wie ACP (Agentic Commerce Protocol), UCP (Universal Commerce Protocol) und MCP (Model Context Protocol).

Info Icon


Einordnung

Nicht jeder Prozess, der heute als Agentic Commerce bezeichnet wird, läuft bereits vollständig autonom ab. Der Begriff umfasst unterschiedliche Grade der Automatisierung: Je nach Anwendung übernehmen KI-Systeme die Recherche, den Vergleich oder die Kaufvorbereitung. Ob der Kunde den Kauf selbst bestätigt oder der Agent den Kauf innerhalb vorab festgelegter Regeln auslösen darf, hängt von der Autorisierung des Kunden sowie von Plattform, Produktkategorie, Land und Zahlungsinfrastruktur ab.

Welche Chancen bietet Agentic Commerce für Kunden und Händler?

Agentic Commerce kann sowohl den Einkauf für Kunden vereinfachen als auch neue Möglichkeiten für Händler schaffen. Wie groß der konkrete Nutzen ist, hängt jedoch vom Kaufanlass, vom Sortiment und vom Grad der möglichen Automatisierung ab.

Vorteile für Kunden

    • Weniger Rechercheaufwand: KI-Agenten können Produkte suchen, Angebote vergleichen und relevante Informationen zusammenfassen.
    • Schnellere Entscheidungen: Preise, Verfügbarkeiten, Lieferzeiten und Produktmerkmale lassen sich gebündelt gegenüberstellen.
    • Mehr Bequemlichkeit: Wiederkehrende Bestellungen oder klar definierte Kaufprozesse können teilweise automatisiert werden.
    • Passendere Auswahl: Agenten können Anforderungen, Budgets und Präferenzen berücksichtigen und daraus eine Vorauswahl erstellen.
    • Unterstützung über den Kauf hinaus: Je nach Anwendungsfall können sie auch Preisänderungen beobachten, Lieferungen verfolgen oder Retouren anstoßen.

Chancen für Händler

  • Neue Zugänge zu Kunden: Produkte können auch über KI-Assistenten und agentische Interfaces entdeckt und ausgewählt werden.
  • Effizientere standardisierte Abläufe: Bestellungen, Verfügbarkeitsprüfungen und bestimmte Serviceprozesse lassen sich bei geeigneter Anbindung mit weniger manuellem Aufwand unterstützen.
  • Skalierbare Beratung: KI kann Kunden bei der Produktauswahl helfen und wiederkehrende Fragen beantworten.
  • Eigene Stärken ausbauen: Personalisierung, relevante Beratung, Inspiration und ein stimmiges Einkaufserlebnis können Gründe für den direkten Shopbesuch schaffen und Wiederbesuche fördern.

 

Info Icon

Wichtig: Diese Vorteile entstehen nicht automatisch durch den Einsatz eines KI-Agenten. Sie setzen unter anderem aktuelle und vollständige Produkt- und Angebotsdaten, klare Regeln und geeignete technische Zugänge voraus.

Wo Agentic Commerce funktioniert – und wo nicht

Nicht jede dieser Chancen greift in jedem Kaufkontext gleichermaßen. Genau hier liegt der Kern, den viele Hype-Artikel übersehen: Agentic Commerce wirkt nicht überall auf dieselbe Weise. Entscheidend ist, wie ein Kauf erlebt und entschieden wird.

In vielen aktuellen Einordnungen wird Agentic Commerce sehr weit gefasst und teils als Übernahme der gesamten Customer Journey beschrieben. Schaut man jedoch auf die konkreten Anwendungsfälle, zeigt sich ein klareres Bild: Besonders sinnvoll ist agentisches Handeln dort, wo Käufe wiederkehrend, standardisiert oder klar spezifiziert sind, etwa bei Nachbestellungen, Preisüberwachung oder im B2B-Einkauf. Genau deshalb wird nicht der gesamte E-Commerce agentisch, sondern vor allem die effizienzgetriebenen Teile davon.

Ein zentraler Unterschied liegt darin, dass Agentic Commerce vor allem auf das effiziente Lösen eines konkreten Kaufanliegens ausgerichtet ist. Nicht das Stöbern steht im Vordergrund, sondern das schnelle Erreichen eines Ziels. Für viele Käufe ist das ein Vorteil. Für andere ist gerade das Gegenteil wertvoll, nämlich das Entdecken, Vergleichen und Inspirierenlassen. Und genau dort bleibt der Shop als Erlebnisraum relevant.

Drei Faktoren entscheiden darüber, wann der Einsatz eines KI-Agenten für Nutzer sinnvoll ist:

Faktor 1: Bekannte vs. unbekannte Präferenz

Kauft jemand immer dieselbe Waschmittelmarke in derselben Größe? Dann kann ein Agent das blind erledigen. Die Präferenz ist bekannt, die Entscheidung ist trivial.

Sucht jemand ein neues Parfum, das zu seinem veränderten Lifestyle passt? Dann ist die Präferenz unbekannt oder gar nicht stabil. Hier bleibt der Mensch in die Entscheidung eingebunden.

Faktor 2: Wiederkauf vs. Entdeckung

Routinekäufe wie Bürobedarf, Verbrauchsmaterialien oder Lebensmittelergänzungen sind perfekte Kandidaten für Automatisierung. Der Mehrwert liegt in der Bequemlichkeit. Viele Nutzer möchten diese Art von Käufen nicht selbst erledigen. Das spiegelt sich auch im aktuellen Diskurs wider: In einem Artikel bei OMR heißt es, KI-Agenten befriedigen vor allem das Bedürfnis nach Bequemlichkeit und Zeitersparnis, insbesondere bei Alltagsprodukten und wiederkehrenden Käufen.²

Neukäufe, bei denen Inspiration, Vergleich und das Entdecken von etwas Unbekanntem Teil des Erlebnisses sind, lassen sich häufig nicht ohne Weiteres vollständig delegieren, weil das Erlebnis selbst Teil des Wertes ist.

Faktor 3: Involvement beim Kauf

Niedrig-Involvement-Käufe (Commodity-Produkte, also standardisierte und austauschbare Produkte, sowie günstige Verbrauchsgüter) wollen Menschen häufig gar nicht aktiv entscheiden. Automatisierung ist hier willkommen.

Hoch-Involvement-Käufe (Mode, Möbel, Geschenke, Lifestyle-Produkte) sind emotional aufgeladen. Das Stöbern, Vergleichen, Entdecken – das ist das Erlebnis. Ein Agent kann dieses Erlebnis nicht ohne Weiteres ersetzen, weil der Wert gerade im Entdecken, Vergleichen und persönlichen Entscheiden liegt und es gar kein Problem ist, das gelöst werden muss.

 

Infografik mit drei Spektren zu Präferenz, Kauftyp und Involvement, die zeigen, wann Agentic Commerce mit KI-Agenten sinnvoll sind und wann der Shop zentral bleibt.

Je unbekannter die Präferenz, je stärker der Kauf von Entdeckung geprägt und je höher das Involvement, desto wichtiger bleibt der Shop als zentrale Anlaufstelle (Quelle: Eigene Darstellung)

 

Entscheidend ist also, ob ein Kauf möglichst effizient erledigt oder bewusst erlebt werden soll. Je klarer Präferenz, Wiederkaufcharakter und funktionaler Nutzen im Vordergrund stehen, desto eher eignet sich der Einsatz eines Agenten. Je stärker Entdeckung, Inspiration und Emotion den Kauf prägen, desto wichtiger bleibt der Shop als Erlebnisraum.

Die wichtigste Erkenntnis: Agentic Commerce automatisiert Effizienz – nicht Emotion.

Anwendungsfälle: Wo Agentic Commerce heute besonders naheliegt

Damit das keine Theorie bleibt, schauen wir uns einige Bereiche an, in denen Agentic Commerce heute besonders plausibel erscheint oder bereits in ersten Formen sichtbar wird:

  • Automatisches Nachbestellen: Haushaltsgüter, Nahrungsergänzungsmittel, Druckertinte – alles, was regelmäßig verbraucht wird und keine neue Entscheidung erfordert. Agenten können den Bedarf erkennen und auf Basis vordefinierter Präferenzen nachbestellen.
  • Preisüberwachung und automatische Kaufauslösung: Der Nutzer setzt einen Zielpreis für ein Produkt (z. B. ein bestimmtes Elektronikgerät). Der Agent kann den Markt überwachen und kaufen, sobald der Preis erreicht ist.
  • Retouren und Garantieansprüche: Agenten können die Kommunikation mit Händlern übernehmen, Rücksendungen initiieren und Ersatzlieferungen koordinieren.
  • Abo-Verwaltung: Agenten können Nutzungsverhalten überwachen, ungenutzte Dienste kündigen und Pläne optimieren, ohne dass der Nutzer aktiv eingreifen muss.

Die Beispiele zeigen, dass Agentic Commerce nicht nur für klassische Online Shops relevant ist, sondern auch für Bereiche wie Abonnements, Reisen oder Ticketing – also überall dort, wo klar definierte, wiederkehrende oder prozessorientierte Entscheidungen getroffen werden.

Was Agentic Commerce konkret für deinen Shop bedeutet

Wie stark Agentic Commerce deinen Shop verändert, hängt vor allem von einer Frage ab: „Kaufen meine Kunden bei mir, weil es bequem ist oder weil es Spaß macht?” Die Antwort auf diese Frage bestimmt, wie stark Agentic Commerce dein Geschäft betrifft.

Wenn du ein Commodity-Shop bist

Wer Verbrauchsgüter, standardisierte Produkte oder Bürobedarf verkauft, steht vor einer strukturellen Herausforderung: Im Agentic Commerce wird der Händler bevorzugt, dessen Angebot für Agenten zuverlässig auffindbar, verständlich, vergleichbar und transaktional zugänglich ist. Angebote mit vollständigen, konsistenten und maschinenlesbar zugänglichen Informationen und sauberen Produktdaten haben bessere Voraussetzungen, von Agenten gefunden und verglichen zu werden.

Konkret: Wenn dein Shop nicht „agenten-lesbar” ist, also keine strukturierten Produktdaten, keine offenen Schnittstellen bietet, wird es zunehmend schwieriger, in agentengestützten Kaufprozessen berücksichtigt zu werden. Nicht weil der Kunde dich nicht mag, sondern weil der Agent dich nicht findet.

Hinzu kommt: KI-Assistenten und LLM-basierte Anwendungen spielen in der Entdeckungs- und Vorauswahlphase eine zunehmend wichtige Rolle. Sie helfen dabei, Intention zu verstehen und Nutzer an passende Händler weiterzuleiten. Genau deshalb werden saubere Produktdaten, klare Zuordnung und technische Zugänglichkeit so wichtig. Der eigentliche Kaufmoment und alles, was Vertrauen schafft – vom Checkout über Loyalty bis zu Identität und Risikomanagement – bleibt dabei weiterhin eng mit dem Händler verknüpft.

Handlungsfelder für Commodity-Shops:

  • Produktdaten strukturieren und standardisieren
  • API-Zugänglichkeit für Agenten schaffen
  • Reorder-Prozesse automatisierungsfreundlich gestalten
  • Preis- und Verfügbarkeitsdaten in Echtzeit bereitstellen

Wenn du ein Erlebnis-Shop bist

Fashion, Lifestyle, Interior, Schmuck, Geschenke – hier hat Agentic Commerce tendenziell einen geringeren Einfluss auf den Kaufprozess. Bei einem persönlichen Kauf wie dem perfekten Geburtstagsgeschenk für die beste Freundin bleibt die Entscheidung für viele Menschen ein wichtiger Teil des Einkaufserlebnisses.

Das bedeutet aber nicht, dass Erlebnis-Shops den Wandel ignorieren können. Wer durch Agenten mehr Routinekäufe automatisiert, hat insgesamt weniger Zeit und Geduld für mittelmäßige Shoppingerlebnisse. Dazu kommt, dass Discovery und Auswahl künftig stärker in LLMs oder KI-Assistenten stattfinden können. In diesem Zusammenhang fällt auch immer wieder der Begriff Zero Click Commerce. Dieser beschreibt die Vorstellung, dass Nutzer immer weniger klassische Shop-Schritte selbst durchlaufen. Wie weit das geht, wird sich erst zeigen. Klar ist aber: Auch inspirierende Käufe beginnen zunehmend mit einer Frage an einen KI-Assistenten. Saubere Produktdaten und technische Anschlussfähigkeit bleiben deshalb auch für Erlebnis-Shops relevant. Wer dort nicht auffindbar ist, verliert potenzielle Besucher, bevor sie überhaupt in den Shop kommen.

Doch auch wenn Discovery künftig stärker in externen Interfaces stattfinden kann, verschwindet der Shop nicht aus der Customer Journey. Aktuelle Einordnungen, etwa von Adyen, zeigen, dass diese Systeme für Händler ein zusätzlicher Kanal sein können, um Nutzer mit hoher Kaufabsicht zu erreichen. Gleichzeitig entsteht in neutralen Chatoberflächen nicht automatisch das Gefühl von Vertrautheit, Orientierung und Markenwelt, das ein Shop oder eine Markenwebsite vermitteln kann. Genau dieser emotionale Teil des Einkaufserlebnisses sollte nicht unterschätzt werden und ist ein wichtiger Grund dafür, warum der Shop selbst auch im Agentic-Commerce-Zeitalter relevant bleibt.³ Externe KI-Systeme können Aufmerksamkeit erzeugen und Nutzer weiterleiten. Vertrauen, Orientierung, Markenwelt und Kundenbindung entstehen jedoch weiterhin wesentlich im direkten Kontakt mit dem Händler. Für dich als Händler bedeutet das vor allem: Der Shop muss als Erlebnisraum stark genug sein, um Besuche zu rechtfertigen, nicht nur als Transaktionskanal. Personalisierung und Inspiration werden dabei wichtiger, nicht unwichtiger.

Handlungsfelder für Erlebnis-Shops:

  • Den Shop als Erlebnisraum stärken und Inspiration, Stöbern sowie digitale Beratung als Kernstärke ausbauen
  • E-Commerce-Personalisierung als Differenzierungsfaktor nutzen, um im richtigen Moment Relevanz zu schaffen und Kundenbindung aufzubauen, die über den einzelnen Kauf hinausgeht
  • Vertrauen, Markenwelt und direkte Kundenbeziehung aktiv gestalten
  • Auffindbarkeit für KI-Assistenten sicherstellen, damit LLMs Produkte korrekt verstehen und weiterempfehlen können

Beide Shoptypen benötigen eine saubere technische Grundlage. Die Priorität ist jedoch unterschiedlich: Commodity-Shops sollten vor allem ihre Transaktionsfähigkeit verbessern, Erlebnis-Shops die Qualität von Suche, digitaler Beratung, Inspiration und Kundenbindung.

Commodity-Shop Erlebnis-Shop
Auswirkung Direkt: Agenten können standardisierte Käufe vorbereiten oder auslösen Indirekt: Discovery und Auswahl können sich teilweise in externe Interfaces verlagern, Aufmerksamkeit und Geduld der Kunden sinken
Rolle des Shops Zugänglicher und zuverlässiger Transaktionskanal Erlebnis-, Beratungs- und Beziehungsraum
Erfolgsfaktor Produktdaten, Verfügbarkeit und technische Zugänglichkeit Inspiration, Emotion und Vertrauen
Wichtigste Handlungsfelder Produktdaten, Schnittstellen und Reorder-Prozesse Suche, Beratung, Inspiration, Kundenbindung

Was Agentic Commerce für Personalisierung im Shop bedeutet

Agentic Commerce macht Personalisierung nicht überflüssig – im Gegenteil. Je stärker sich Produktsuche, Vorauswahl und Routinekäufe teilweise automatisieren, desto wichtiger wird die Frage, wo echte Relevanz entsteht. Und genau hier bleibt der eigene Shop zentral.

Agenten und Shops greifen auf unterschiedliche Signale zurück

Ein Grund dafür, dass der eigene Shop für Personalisierung relevant bleibt, liegt in der unterschiedlichen Datengrundlage von Agenten und Shops. Beide Systeme können mit Präferenzen arbeiten. Welche Präferenzen sie berücksichtigen und wie dauerhaft sie diese kennen, hängt jedoch davon ab, auf welche Daten sie zugreifen dürfen und in welchem Kontext sie eingesetzt werden.

Ein externer Einkaufsagent verarbeitet beispielsweise die Anforderungen, die ein Nutzer direkt formuliert und gegebenenfalls weitere hinterlegte Präferenzen: „Ich suche Waschmittel, als Pulver, parfümfrei und von Marke X.“ Ein Shop kann zusätzlich eigene Interaktions- und Transaktionsdaten einbeziehen – etwa Suchanfragen, Klicks, Warenkörbe, Käufe, Abbrüche und Wiederkäufe. Daraus können sich weitere Hinweise auf Interessen und Verhaltensmuster ergeben, sofern diese Daten verfügbar und datenschutzkonform nutzbar sind. Shop-Personalisierung kann dadurch eine ergänzende Stärke entwickeln: Sie berücksichtigt nicht nur das aktuell formulierte Kaufziel, sondern kann auch den bisherigen Kontext der Beziehung zwischen Kunde und Shop einbeziehen.

Personalisierung im Shop bleibt ein eigener Stärkehebel

Gerade deshalb ist Shop-Personalisierung kein Auslaufmodell, sondern ein eigenständiger Vorteil. Sie schafft nicht nur relevantere Produktempfehlungen – sie erzeugt Orientierung, beschleunigt Entdeckung und macht das Einkaufserlebnis stimmig und individuell. Besonders dort, wo Menschen bewusst stöbern, vergleichen und selbst entscheiden wollen, entsteht Relevanz nicht durch Effizienz allein, sondern durch passendes Timing, Kontext und persönliche Ansprache.

Agentische Systeme können berücksichtigen Shops können berücksichtigen
Aktuell formulierte Anforderungen

Vom Nutzer hinterlegte Präferenzen

Kontext der direkten Interaktion

Je nach System langfristig gespeicherte Präferenzen

Suchanfragen und Klicks im eigenen Shop

Warenkörbe, Käufe und Wiederkäufe

Abbrüche und frühere Shopkontakte

Verhalten innerhalb der eigenen Customer Journey

Relevanz schafft nicht nur Conversion, sondern auch Bindung

Personalisierung wirkt dabei nicht nur im Kaufmoment. Sie ist ein zentrales Instrument, um Kunden mit passenden Empfehlungen, personalisierte E-Mails oder Inhalten, die an frühere Interessen anknüpfen, erneut zu erreichen und zu einem Wiederbesuch zu motivieren.

Wenn Produktsuche und Vorauswahl teilweise in externe KI-Interfaces verlagert werden, wird die direkte Beziehung zwischen Kunde und Händler noch wertvoller. Der eigene Shop kann dabei den Kontext bisheriger Interaktionen mit Markenwelt, Beratung und passenden Services verbinden. Externe Agenten können die Kundenbeziehung ergänzen – die Verantwortung für Markenerlebnis, Vertrauen und langfristige Bindung bleibt jedoch beim Händler.

Die Hürden von Agentic Commerce

Agentic Commerce bringt nicht nur Chancen, sondern auch echte Herausforderungen mit sich:

  • Sicherheit, Datenschutz und Verantwortlichkeit: Agentische Kaufprozesse erfordern klare Regeln für Authentifizierung, Autorisierung, Datenzugriff und Fehlerkorrektur – ebenso eine Klärung der Haftung bei fehlerhaften Bestellungen. Laut IBM äußern 83 % der Verbraucher Sorgen hinsichtlich Datenschutz, Datenmissbrauch und unaufgefordertem Marketing¹. Datenschutzrechtliche Anforderungen, insbesondere die DSGVO, müssen Händler von Anfang an berücksichtigen und einhalten. Welche konkreten Pflichten gelten, hängt vom jeweiligen Anwendungsfall und den beteiligten Systemen ab.
  • Kontrolle und Vertrauen: Wenn Agenten mehr Schritte des Kaufprozesses übernehmen, können Händler den direkten Kundenzugang und Kunden die unmittelbare Kontrolle über die Entscheidung teilweise verlieren. Transparenz, nachvollziehbare Empfehlungen und klar definierte Autorisierungen sind deshalb wichtige Voraussetzungen für die Akzeptanz – insbesondere bei höheren Ausgaben oder sensiblen Daten.
  • Plattformabhängigkeit: Wenn Produktsuche und Vorauswahl über externe KI-Assistenten laufen, gewinnen die Plattformen an Einfluss, die diese Zugänge bereitstellen. Händler müssen deshalb nicht nur im eigenen Shop, sondern auch in relevanten agentischen Ökosystemen auffindbar bleiben, ohne den Kundenzugang und das Markenerlebnis vollständig aus der Hand zu geben.
  • DatengrundlageIBM weist darauf hin, dass einige Einzelhändler Schwierigkeiten mit fragmentierten Produktdaten haben, die sich nicht systemübergreifend zusammenführen lassen.¹ Unvollständige oder widersprüchliche Informationen erschweren es Agenten, Angebote korrekt zu verstehen, zu vergleichen und auszuwählen.

Wie Händler sich jetzt auf Agentic Commerce vorbereiten können

Agentic Commerce ist kein fernes Zukunftsszenario mehr, aber auch kein Grund zur Panik. Für Händler geht es zunächst darum, die eigenen Grundlagen zu prüfen und relevante Entwicklungen im Blick zu behalten. Dabei sind zwei Fragen entscheidend: Können externe Systeme die eigenen Angebote zuverlässig verstehen und finden? Und gibt es für Kunden weiterhin gute Gründe, den eigenen Shop direkt zu besuchen? Beide Handlungsfelder sind für jeden Shop relevant – je nach Sortiment und Positionierung verschiebt sich lediglich die Priorität.

Den Shop für Agenten zugänglich machen

  • Produkt- und Angebotsdaten prüfen: Sind Produkttitel, Beschreibungen, Attribute, Varianten, Preise, Verfügbarkeiten und Lieferzeiten vollständig, eindeutig und aktuell? Veraltete oder widersprüchliche Angaben erschweren den Vergleich und können zu falschen Erwartungen führen.
  • Versand-, Retouren- und Garantiebedingungen klar beschreiben: Diese Informationen sollten leicht auffindbar, verständlich formuliert und eindeutig strukturiert sein.
  • Technische Zugänglichkeit sicherstellen: Produkt- und Händlerinformationen sollten für relevante externe Systeme zugänglich sein – etwa über Datenfeeds, APIs oder andere Schnittstellen. Bei Commodity-Shops steht dabei vor allem die Transaktionsebene im Vordergrund, während Erlebnis-Shops zunächst auf Auffindbarkeit und eine verständliche Produktdarstellung achten sollten.
  • Auffindbarkeit ganzheitlich denken: Klassische SEO bleibt wichtig. Ergänzend sollten Produktdaten und Inhalte so klar und konsistent formuliert sein, dass Menschen, Suchmaschinen und KI-Systeme Produkte, Eigenschaften und Nutzen möglichst eindeutig verstehen.
  • Relevante Entwicklungen beobachten: Zahlungsanbieter, Commerce-Plattformen und Shopsysteme schaffen zunehmend Möglichkeiten, über die Agenten mit Produktdaten, Warenkorb und Checkout interagieren können. Händler sollten diese Entwicklungen im Blick behalten.

Das Shoppingerlebnis für Menschen stärken

  • Personalisierung ausbauen: Präferenzen, Verhalten und Kontext bleiben zentral, um im Shop relevante Erlebnisse zu schaffen und Kunden langfristig zu binden.
  • Semantische Suche verbessern: Nutzer und Agenten formulieren Anfragen zunehmend in natürlicher Sprache. Eine gute Suche muss Absicht verstehen, nicht nur Keywords matchen.
  • Digitale Beratung im Shop stärken: KI-gestützte Shopping Assistants können Unterstützung bieten, Empfehlungen aussprechen und das Entdecken im Shop erleichtern.
  • Inspiration bewusst gestalten: Gerade bei Käufen mit höherem Involvement bleibt Stöbern Teil des Erlebnisses. Shops sollten diese Momente aktiv fördern, nicht nur möglichst effizient abkürzen.
  • Kundenbindung aktiv stärken: Wer im Agentic-Commerce-Zeitalter relevant bleiben will, sollte nicht nur auf Auffindbarkeit setzen, sondern auch auf Wiederbesuche. Personalisierte E-Mails, Inhalte und Produktempfehlungen, die zu den Präferenzen eines Kunden passen, können gezielt Anreize schaffen, den Shop erneut zu besuchen und die direkte Beziehung zur Marke zu stärken.

 

Agentic Commerce ist nur ein Baustein der größeren E-Commerce-Entwicklung – weitere Trends, die den Online-Handel bis 2030 prägen werden, haben wir in unserem Artikel zur Zukunft des E-Commerce zusammengefasst.

Fazit: Agentic Commerce – Zwischen Automatisierung und Einkaufserlebnis

Agentic Commerce wird den E-Commerce verändern, aber nicht jeden Kaufprozess auf dieselbe Weise. Routinekäufe und effizienzgetriebene Entscheidungen lassen sich eher automatisieren, während Inspiration, Vertrauen, Markenerlebnis und persönliche Relevanz weiterhin wichtige Gründe für den direkten Shopbesuch bleiben. Für dich als Händler bedeutet das: Du solltest deine Produktdaten und Systeme anschlussfähig machen und gleichzeitig die Stärken ausbauen, die externe Agenten nicht automatisch ersetzen – ein relevantes, inspirierendes und vertrauenswürdiges Einkaufserlebnis. Personalisierung hilft dabei, aus einzelnen Kontakten langfristige Kundenbeziehungen zu entwickeln.

Quellen: ¹ IBM, 2026, ² OMR, 2025, ³ Adyen, 2026

Häufige Fragen zu Agentic Commerce

Agentic Commerce entwickelt sich schrittweise. Conversational Commerce bietet Händlern bereits heute die Möglichkeit, Kunden mit dialoggestützter Beratung sowie relevanten Empfehlungen und Informationen bei der Kaufentscheidung zu unterstützen.

Erfahre in unserem E-Book, wie du solche Einkaufserlebnisse gestalten kannst.

Jetzt herunterladen! 

Sarah, Junior Content Marketing Manager bei epoq
Sarah Birk
Online Marketing Manager - Content & SEO
Sarah ist als Online Marketing Manager – Content & SEO bei Epoq tätig und damit für den Content-Bereich zuständig. Ihr Tätigkeitsgebiet erstreckt sich von der Content-Planung über die -Konzeption bis hin zur -Analyse und -Optimierung der verschiedenen Content-Formate unter Berücksichtigung wichtiger SEO-Aspekte.